Ortsparteien gehen nur bedingt neue Wege bei der Förderung von Nachwuchs

Podien, Parteihöcks, Standaktionen: Die Parteien in Rapperswil-Jona setzen bei der Rekrutierung von Nachwuchs primär auf bekannte Mittel. Mit einer gezielten Ansprache könnten laut einer Studie viel mehr junge Erwachsene auf Gemeindeebene für Politik motiviert werden.

Ein Bericht aus der Linthzeitung

Die Wahl des neuen Schulpräsidenten hat es gezeigt: Die städtischen Parteien hadern mit der Nachwuchsförderung. So fand die FDP Rapperswil-Jona trotz Bemühen keinen Kandidaten für die Ersatzwahl. UGS und CVP traten mit bereits bekannten nebenamtlichen Stadträten an. Nur die SP konnte mit Luca Eberle ein frisches und relativ junges Gesicht präsentieren – und hatte Erfolg.

Mit dieser Problematik ist Rappers-wil-Jona nicht allein. Gemäss einer neuen Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur lag im Jahr 2018 der Anteil der unter 35-Jährigen in den Exekutiven von rund 600 befragten Gemeinden bei gerade mal 5,6 Prozent.

«Junge zu wenig angefragt»

Dabei würden junge Erwachsene grundsätzlich politisches Interesse zeigen und können sich gut vorstellen, sich in der Gemeindepolitik zu engagieren. Gemäss der Studie liegt das Rekrutierungspotenzial bei jungen Erwachsenen bei rund 20 Prozent und ist damit höher als erwartet. «Daraus ergeben sich für Gemeinden gute Perspektiven, ihre Ämter mit jungen Erwachsenen zu besetzen», heisst es im Resumé der Untersuchung.

Doch was ist der Grund für das Scheitern bei der Rekrutierung junger, politisch interessierter Menschen? Hier spricht die Studie eine klare Sprache: «Junge Erwachsene werden für Ämter zu wenig angefragt», bilanzieren die Forscher. Für eine effektivere Rekrutierung brauche es «eine gezielte Ansprache» dieser Zielgruppe.

Aktuelle Themen mobilisieren

Eine Umfrage bei den Ortsparteien von Rapperswil-Jona zeigt, dass diese bei der Rekrutierung potenzieller Nachwuchspolitiker meist auf eine Mischung von neuen und althergebrachten Mitteln setzen, wobei Letztere überwiegen. Klare Strategien sind kaum erkennbar.

Auf herkömmliche Kommunikationswege setzt die SVP: «Wir sprechen junge Leute an Anlässen oder im Familien- und Bekanntenkreis an», sagt Parteipräsident Hanspeter Rathgeb. Die FDP setzt auf Aktualität: «Heute motiviert man Menschen mit Debatten über aktuelle politische Themen», glaubt Parteipräsident Markus Gisler. Dadurch erhalte die lokale FDP ein Gesicht. «Die persönliche Bindung sichert ein aktives Engagement.» Diese Ansicht teilt die städtische SP, die ebenfalls auf «sichtbare Politik» schwört, wie es Co-Präsident Eduard Hirschi nennt. «Wir haben immer wieder Nachfragen, wenn wir uns für konkrete Themen einsetzen.» Auch Thomas Hofstetter hält es für zentral, dass sich Leute von «den CVP-Themen» angesprochen fühlen.

Die UGS macht bei diesem Punkt keine Ausnahme. «Kein Thema spricht aktuell die Jungen so an wie das Kernanliegen, das wir seit Jahrzehnten verfolgen: Klima- und Umweltschutz», sagt Valentin Faust von der UGS. Generell geht die Partei bei der Rekrutierung sowohl altbekannte als auch neue Wege: Einerseits sammelt sie jedes Jahr am Openair St. Gallen Unterschriften und versucht, Gleichgesinnte zu motivieren. Andererseits hätten Standaktionen und Stammtische bei Jungen nach wie vor einen hohen Stellenwert, wie Faust sagt.

Frauenförderung bei der FDP

Seit einiger Zeit gehe die FDP gezielt auf Frauen zu, erklärt Parteipräsident Markus Gisler. «Sie verkörpern aus Sicht der FDP das grösste brachliegende Potenzial ab 30 Jahren, das es zu erschliessen gilt.» Die Partei habe inzwischen drei zusätzliche Frauen für den Vorstand gewinnen können. Damit sei auch das Durchschnittsalter in der Parteileitung gesunken, hält Gisler fest.

CVP und SP setzen seit einiger Zeit auf Social Media. «Wir sind seit Kurzem aktiv auf Facebook, was aber aus unserer Sicht nicht nur die Jungen ansprechen soll», sagt CVP-Mann Hofstetter. Bei der CVP stünden in Bezug auf junge Menschen vor allem gesellschaftliche Events im Vordergrund. «Dies ermöglicht potenziell Interessierten, sich in einem ungezwungenen Umfeld kennenzulernen und zu informieren.» Als Beispiele nennt Hofstetter einen von der Partei organisierten Schlittelplausch, einen Anlass namens «Beer& Politics», den Olma-Stamm oder eine Sommerwanderung.

SP-Mann Hirschi ist überzeugt, dass ein Stadtparlament helfen würde, Nachwuchs zu generieren. «Selbstverständlich nutzen wir auch Social Media – ohne diese wäre eine Parteiarbeit gar nicht mehr möglich», hält er fest.

Social Media, aber nicht nur

Auch die von der Churer Studie hervorgehobenen Kommunikationswege beschäftigen die Parteien der Stadt. Viele von ihnen setzen hier jedoch nach wie vor auf den persönlichen Kontakt. «Persönlich bin ich überzeugt, dass die Kommunikation auf Instagram oder Twitter nicht reicht, um junge Menschen zur politischen Arbeit zu motivieren. Am wirkungsvollsten ist noch immer das persönliche Gespräch», sagt FDP-Präsident Gisler.

Diese Einschätzung teilt Valentin Faust von der UGS: «Wir versuchen möglichst schnell, den direkten Kontakt herzustellen.» Wenn jemand Interesse bekundet hat, lade der Vorstand diese Person an einen aktuellen Anlass ein. Faust weiss auch, was Junge abschreckt: «Die wichtigste Regel lautet: Lieber nicht telefonieren.»

Thomas Hofstetter ist überzeugt, dass «die altbekannten Wege nach wie vor effektiver» seien als neue. «Die Direktansprache von Jungen wirkt am besten», resümiert der CVP-Präsident.

Kaum Platz im Alltag für Politik

Markus Gisler findet es ganz grundsätzlich anspruchsvoll, Menschen zu einem «engagierten Mitmachen in der Politik» zu mobilisieren. Auch Eduard Hirschi sagt, es sei heute schwierig, alles in den Alltag zu integrieren: «Die Politik kommt oft an letzter Stelle.»

Und doch gibt es anscheinend Hoffnung. Die Parteiarbeit muss jedoch bereits die Jungen mobilisieren können. «Wenn das Interesse einmal geweckt wurde, dann bleiben die Jungen meistens auch», weiss Valentin Faust. Dieser Eindruck deckt sich mit jenem von Markus Gisler. Seine Erfahrungen zeigten, dass bei Personen zu Beginn der zweiten Lebenshälfte das Bedürfnis steige, sich für das Allgemeinwohl einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. «Als liberale Partei akzeptieren wir jedoch, dass gerade jüngere Menschen zuerst ihre persönlichen, familiären und beruflichen Ziele verwirklichen.» Gisler hält es für wichtig, dass bei jungen Menschen das politische Interesse geweckt werde – «dann kommt das Engagement mit der Zeit von selbst.»

Zufriedene SP, UGS und CVP

Interessant ist, dass trotz scheinbarem Mangel an Personal die Mitte-links-Parteien zufrieden sind mit ihrer momentanen Rekrutierungsarbeit. Die SP ist gemäss eigener Aussage derzeit «nicht so unter Druck» und geht deshalb kaum neue Wege, wie Hirschi sagt. «Wir haben im Moment keine Mühe mit der Rekrutierung, was die Wahl unseres Kandidaten für das Schulpräsidium gezeigt hat.»

Auch die städtische UGS ist überzeugt von der eigenen Nachwuchsförderung: «Wir sind die einzige Partei im Linthgebiet, die sowohl an den letzten wie auch an den vorletzten Kantonsratswahlen mit einer Jungen Liste antreten konnte», resümiert Valentin Faust.

Ebenfalls zufrieden mit ihrer Nachwuchsförderung ist die CVP. «Dass unsere Partei gleich fünf junge Kandidaten für die kommenden Nationalratswahlen stellt – davon zwei aus Rapperswil-Jona – ist sicher ein sehr gutes Zeichen.» Die Nachwuchsförderung werde mit der Jungen CVP Linthgebiet abgesprochen und funktioniere «ausserordentlich gut», findet Hofstetter. In den letzten zwei Jahren habe sich die Rekrutierung bei der CVP deutlich verbessert.

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