Parteien hadern mit der Nachwuchsförderung

Obwohl einzelne Kandidaten im Wahlkampf neue Wege gehen, setzen die arrivierten Parteien bei der Nachwuchsförderung auf Herkömmliches wie Standaktionen und Podien.

Von Mitgliederwerbung über Stand­aktionen bis zum Parteihöck: Die Stadtratsparteien SVP, FDP, CVP, SP und UG setzen in Sachen Nachwuchsförderung auf Altbewährtes. Dass diese Mittel und Wege kaum genügend poli­tischen Nachwuchs generieren, haben die letzten Stadtratswahlen gezeigt. Hätten die Jungfreisinnigen der Mutterpartei nicht in Form von Ramiz Ibrahimovic unter die Arme gegriffen, wäre der Wahlkampf unter den arrivierten Parteien von Kandi­datinnen und Kandidaten über 45 Jahre dominiert gewesen.Neben einem Mangel an jungen Politikerinnen und Poli­tikern fiel zudem auf, dass die meisten Parteien Mühe bekun­deten, geeignete Personen zu finden. So versuchte die SP, mit dem politischen Quereinsteiger Eduard Hirschi den Sitz des bekannten SP-Mannes Pablo Blöch­linger zu verteidigen – und scheiterte.

Trotz dieser sichtbaren Schwierigkeiten trauen die Stadtratsparteien sich kaum, bei der Nachwuchsförderung neue Wege zu beschreiten. Die Mehrzahl der Parteipräsidenten von Rapperswil-Jona ist dennoch zuver­sichtlich, was die Zukunft ihrer Partei betrifft. Einzig der Präsident der CVP Rapperswil-Jona macht sich Sorgen um die Zukunft: «Die Anzahl der Jungen ist relativ gering, und die Motivation, sich aktiv in einer Partei zu engagieren, scheint mir früher grösser gewesen zu sein», sagt Thomas Hofstetter. Wenn er sich jedoch die Junge CVP Linth anschaue, sehe er dennoch Potenzial für die Zukunft der Region.

CVP plant noch nicht für 2020

Auf die Frage, ob junge Kandi­datinnen und Kandidaten für die Stadtratswahlen 2020 bereitstünden, sagt Hofstetter: «Diese Frage zu beantworten, ist aktuell schwierig. Der neue Stadtrat ist erst rund ein Jahr in Vollbesetzung. Zudem stehen nun zuerst noch National- und Kantons­ratswahlen an.» Daher sei es verfrüht, bereits an die Wahlen 2020 zu den­­ken. «Zudem bin ich der Meinung, dass Jungsein alleine keine Kandidatur rechtfertigt.» Die Lebens­umstände von jungen Menschen änderten sich schnell, was eine langfristige Planung schwierig mache. Er persönlich könne sich «gegebenenfalls» eine Kandidatur vorstellen.

Die Förderung der Jugend­lichen passiere bei der CVP auf Bezirks­ebene. «Hier ist daher vor allem die Junge CVP Linth gefordert.» Neben den ordent­lichen Veranstaltungen organisiert die CVP vermehrt Standaktionen zu Abstimmungsthemen, um mit der breiten Bevölkerung in Kontakt zu kommen.

FDP setzt auf Fachausschüsse

Die FDP des Kantons St. Gallen sei für die Zukunft sehr gut auf­gestellt, ist Kantonalpräsident ­Raphael Frei überzeugt. «Wir sind gut organisiert, haben viel Fachkompetenz sowie poli­tisches Know-how in unseren Reihen und sind sehr reaktionsfreudig – das hat sich beispielsweise bei der Debatte um den Aufgaben- und Finanzplan sowie die Spitalfinanzen gezeigt.»

Mit ihren Werten «Freiheit – Ge­meinsinn – Fortschritt» betreibe die FDP eine Politik, welche «neugierige Anspruchs­gruppen» abholt und auch für junge­ Politikinteressierte spannend sei, glaubt Frei. Auch alle Parteianlässe orientierten sich an diesen Werten. Marcel Gasser, Mitglied der Parteileitung See-Gaster, ergänzt: «In erster Linie überlassen wir das aber zielgruppengerecht unseren Jungfreisinnigen, die sich altersmässig auf der gleichen Flug­höhe befinden.» Frei und Gasser heben den Wahlkampf des Jungfreisinnigen Ramiz Ibrahimovic hervor. Dieser habe gezeigt, dass jüngere Bür­gerinnen und Bürger mit liberalem Gedankengut «etwas bewegen und beispielsweise auch Polit­podien attraktiv machen können». Die Jungfreisinnigen hätten denn auch einen fixen Sitz in der Parteileitung der FDP See-Gaster, sagt Gasser.

Der Politik müsse es gelingen, komplexere Themen so aufzuarbeiten, dass sie verständlich und doch sachlich korrekt daherkommen, resümiert Frei. Der Kantonalpräsident der FDP ist grundsätzlich überzeugt, dass junge Bürgerinnen und Bürger die Gesellschaft mitgestalten und sich einbringen wollen. «Bei uns erhalten sie diese Möglichkeit in Fachausschüssen und bei den Jungfreisinnigen, aber auch bei der Mutterpartei.»

SVP-Formel: Direkter Kontakt

Die Präsidentin der SVP See- Gaster, Barbara Keller-Inhelder, sagt, sie spreche regelmässig junge­ Leute an, die an Veranstaltungen ihrer Partei kommen. Im Idealfall führe ein solcher Kontakt dazu, dass eine junge Person in den Parteivorstand gewählt werde. Für die Stadtratswahlen 2020 sei die SVP gut aufgestellt, sagt Keller-Inhelder: «Wir haben einen grossen Vorstand mit mehreren jungen und gut qualifizierten Mitgliedern.» Spezifische Veranstaltungen, an denen die SVP jüngere Menschen anspricht, gibt es jedoch nicht.

Mitgliederwerbung bei der SP

Auch Daniel Kamm, Vorstandsmitglied der SP Rapperswil-Jona, sagt, die Partei sei gut aufgestellt für die Zukunft. «Wir haben ein motiviertes Team, welches in nächster Zeit viele politische Themen aufgreifen wird.» Welche das sein werden, mag Daniel Kamm jedoch nicht verraten.

Mitgliederwerbung und Personalplanung hätten in der SP einen hohen Stellenwert, sagt Kamm. Aus­ser­dem profitiere der SP-Nachwuchs vom relativ grossen Vorstand der Partei. «Unser Nachwuchs hat durch diesen die Gelegenheit, aktiv an der Strategie mitzuarbeiten.» So könne die Partei Jungpolitiker begleiten und ihnen entsprechende Aufgaben über­geben. «Resultate daraus sind Vorstösse im Stadtforum oder Auf­tritte für die Volksmotion ‹5 Stadt­räte für 5 Ressorts›.» Kamm sagt, dass jedoch das soge­nannte Empfehlungsmarketing letztendlich am besten funktioniere, also wenn Mitglieder neue Mitglieder überzeugen.

UGS glaubt an grüne Themen

Auf die Frage, ob die Partei mit spezifischen Veranstaltungen ver­suche, junge politisch interessierte Personen anzusprechen, schreibt UGS-Co-Präsidentin Silvia Kündig-Schlumpf: «Die grüne Politik verbreitet sich unter Menschen, welche sich mit ernsthaften klimatischen und gesellschaftlichen Themen aus ihrem Umfeld und global befas­sen und sich mitverantwortlich fühlen für eine lebenswerte Welt mit Zukunft.»

Die UGS lade Junge zu Veranstaltungen ein, an denen sie mit Referaten und Präsentationen ihr umweltpolitisches Verständnis zeigen und ihr Engagement einbringen könnten, sagt Kündig-Schlumpf. Zudem veranstalteten die Jungen Grünen des Kantons jeden ersten Mittwochabend im Monat einen Stammtisch namens Grüne Fee. Die Veranstaltung, an der auch die UGS Linth beteiligt ist, findet in der Stadt St. Gallen statt und steht allen­ interessierten Neu- und Alt­mitgliedern offen. Nun sei eine ähnliche Veranstaltung für den Obersee geplant: «St. Gallen ist leider für einige aus dem Linthgebiet zu weit entfernt, wes­wegen Valentin Faust und Moritz Pachmann ein ähnliches Angebot im Linthgebiet testen wollen», erklärt die UGS-Kantonsrätin.

Wo ist die nächste Generation?

Die meisten Parteien tun sich schwer mit einer Erklärung für den mangelnden Politnachwuchs. Kündig-Schlumpf meint dazu: «Die Jungen sind mobil, wechseln ihren Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnort schnell und lassen sich deshalb nicht gern lokal einbinden.» Das Blut dieser Generation fliesse über «andere, neue Kanäle und Medien». Kündig sagt, von diesen Jungen gebe es viele, «die sie beein­drucken und begeistern». Weshalb diese jedoch kaum je den Weg in die Partei der Kan­tons­rätin finden, bleibt unbeantwortet.

Raphael Frei sagt, in seiner Par­tei herrsche kein Nachwuchsmangel. «Aus Rapperswil-Jona kommt ein eher jüngerer Nationalrat (Marcel Dobler), ein jüngerer Stadtpräsident (Martin Stöck­ling) und im letzten Wahlkampf hat mit Ramiz Ibrahi­movic ein Jungfreisinniger für Furore gesorgt.»

Beliebte Operation Libero

CVP-Präsident Thomas Hof­stetter sagt: «In der vergangenen Zeit musste ich feststellen, dass gerade Junge immer weniger ­bereit sind, sich aktiv in einer Partei zu engagieren.» Als junges Parteimitglied werde man häufig in vorgefertigte Stereotype gepackt. «Diese Vorurteile hemmen viele jüngere Personen, sich zu einer Partei zu bekennen. Besonders, wenn diese nicht auf einen zutreffen oder man nicht eine 100-prozentige Übereinstimmung mit der bevorzugten Partei hat.» Organisationen wie Operation Libero würden daher immer beliebter. «Sie fokussieren auf sehr wenige Themen und müssen dann nicht bei allen anderen politischen Bereichen Stellung beziehen.» Dies scheine für viele Jugendliche attraktiver zu sein.

SP-Vorstandsmitglied Daniel Kamm ist überzeugt, dass Par­teien bei den Jungen «out» sind. «Entweder sie sind politisch überhaupt nicht interessiert, oder sie organisieren sich zu einem bestimmten Thema kurzerhand mit Gleichgesinnten.» Es falle vielen schwerer, sich in einer Partei politisch zu binden und auch zur «Gesinnung» zu stehen, wenn die Partei anderer Meinung ist.

 

Original aus der Zürichseezeitung

Eva Pfirter 11.05.2018

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