Politiker mit Diplom

Hochschulen bieten Weiterbildungskurse für Politiker an. Stärken solche Angebote das Milizsystem oder leisten sie der Professionalisierung der Schweizer Politik Vorschub?

«Denkt an James Bond!», rät der Rhetoriktrainer. Genau wie in Agententhrillern gehe es auch bei öffentlichen Auftritten darum, eine Geschichte zu erzählen. Die rund zwanzig Kursteilnehmer hören aufmerksam zu und machen sich Notizen. Anschliessend werden sie in drei Gruppen aufgeteilt. In jeweils einminütigen Reden versuchen sie, die Tipps des Trainers in die Praxis umzusetzen. Die Reden werden aufgezeichnet, die Videos anschliessend in der Gruppe analysiert. Die eigene Botschaft attraktiv rüberzubringen, ist das Ziel. Denn ohne überzeugende Kommunikation wird es nichts mit der politischen Karriere. Auf eine solche soll der Zertifikatskurs (CAS) «Weiterbildung für Politik» vorbereiten. Die von der Universität St. Gallen angebotene Weiterbildung richtet sich an amtierende und angehende Politiker ebenso wie an Fachleute, die mit der Schweizer Politik zu tun haben, etwa Lobbyisten oder Verbandsmitarbeiter. Von den rund zwanzig Kursteilnehmern, die an diesem Herbsttag an ihren rhetorischen Fähigkeiten feilen, hat etwa die Hälfte ein politisches Amt inne, die meisten auf Gemeindeebene.

Pflege des Netzwerks
Es ist nicht der einzige derartige Kurs in der Schweiz. Verschiedene Bildungsinstitutionen haben heute Weiterbildungsangebote in Politik im Programm. Braucht es im schweizerischen Milizsystem heute ein Diplom, um Politik machen zu können?
Gerade Milizpolitiker seien froh darüber, zusätzliches Wissen und zusätzliche Kompetenzen erwerben zu können, erklärt Tobias Trütsch, der Verantwortliche für den Kurs an der Universität St. Gallen. «Die Leute werden gewählt und stehen beispielsweise plötzlich an der Spitze einer Verwaltung mit mehreren hundert Mitarbeitern.» Da sei eine gute Vorbereitung sinnvoll.
Hilfreich für ihr politisches Amt findet den Kurs Claudia Hollenstein. Die 51-Jährige ist seit sechs Jahren Gemeinderätin in Stäfa. Das nächste Ziel der GLP-Politikerin ist die kantonale Ebene: Im kommenden Frühjahr kandidiert sie für den Zürcher Kantonsrat. Sie besucht den Kurs, um neues Wissen zu erwerben und ihre Kompetenzen zu verfeinern. «Ich konnte zum Beispiel meine Führungsqualitäten verbessern», sagt sie. Der Kurs sei zudem eine Gelegenheit, das eigene Netzwerk zu erweitern.

Der Kurs umfasst 15 Kurstage, verteilt auf drei Module: Im ersten lernen die Teilnehmer wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen; im zweiten wird Führungskompetenz, neudeutsch: «Leadership», gelehrt; im dritten geht es um politische Kommunikation. Unter den Dozenten finden sich bekannte Namen wie jener des Wirtschaftsprofessors Franz Jaeger oder des ehemaligen SBB-Chefs Benedikt Weibel. Kostenpunkt des ganzen Pakets: 9300 Franken.

Neue Perspektiven
Die Hochschule Luzern bietet ebenfalls einen Weiterbildungskurs an. Der Zertifikatskurs (CAS) «Public Management und Politik» ist stärker auf öffentliche Verwaltung fokussiert. Die meisten der 15 Teilnehmer des laufenden Lehrgangs arbeiten in der Gemeinde- oder der Kantonsverwaltung; bei vielen übernimmt der Arbeitgeber zumindest einen Teil der Kosten. Vielen Milizpolitikern fehle die Zeit, neben ihrer Arbeit, dem politischen Amt und anderen Verpflichtungen noch eine Weiterbildung zu absolvieren, erklärt der Kursverantwortliche Jonas Willisegger. Daniel Enzler ist Leiter des Luzerner Amts für Zivilschutz. Da er lange in der Privatwirtschaft gearbeitet habe, sei es für ihn oft nicht einfach, die politischen Prozesse zu verstehen, die für seine Arbeit wichtig seien, sagt er. «In der staatlichen Verwaltung sind bei einem Entscheid meist verschiedene Anspruchsgruppen involviert.» In dem Weiterbildungskurs habe er neue Sichtweisen kennengelernt und so sein Verständnis über die Schnittstelle zwischen Verwaltung und Politik verbessert. Eine andere Perspektive kennengelernt hat auch Thomas Hofstetter. Der 31-Jährige aus dem Kanton St. Gallen war bis vor kurzem Vorstandsmitglied der Jungen CVP Schweiz. In zwei Jahren will er in den Kantonsrat gewählt werden. Der Kurs habe ihm ein vertieftes Verständnis für die Abläufe in der Verwaltung gegeben, sagt er. «Ich habe gelernt, dass Politiker mehr mit der Verwaltung reden und sie frühzeitig einbeziehen sollten.» Dadurch könnten einige Probleme vermieden werden, mit der sich die Politik später herumschlage. Hofstetter besucht den Kurs auch aus beruflichen Gründen. Als Mitarbeiter in der Vertriebssteuerung bei der Swisscom ist er in einem Unternehmen mit engen Verbindungen zum Bund tätig.

Schritt zur Professionalisierung
Die Schweizer Politik wird zunehmend professioneller. Gemäss einer Umfrage aus dem Jahr 2017 wenden Ständeräte im Mittel 71 Prozent einer Vollzeitstelle für ihr Amt auf, Nationalräte gar 87 Prozent. Weiterbildungskurse für Politiker beförderten diese Entwicklung, sagt Sarah Bütikofer, Politikwissenschafterin an der Universität Zürich. Die Angebote könnten durchaus sinnvoll sein, da die Absolventen danach in einem politischen Amt eine kürzere Einarbeitungszeit benötigten und mehr Kompetenzen mitbrächten. Die Ziele jener, die einen Kurs in Politik absolvieren, gehen laut Bütikofer aber wohl darüber hinaus. «Jene, die auf solche Angebote ansprechen, sind sicher nicht klassische Milizler, sondern eher Leute, die voll auf die Karte Politik setzen.» Solche Kurse seien daher ein weiterer Schritt hin zur Professionalisierung in der Schweizer Politik. «Ich würde das nicht verneinen», sagt Tobias Trütsch dazu. Die Tendenz zur Professionalisierung sei aber da gewesen, lange bevor die Universität St. Gallen 2007 ihren Kurs ins Leben gerufen habe. «Das Milizsystem ist auf nationaler Ebene ohnehin je länger, je mehr ein Mythos.» Mittelfristig will Trütsch das Angebot noch ausbauen. Seine Vision ist der Aufbau einer unabhängigen politischen Akademie, welche das Ziel hat, politisches Personal auszubilden. Ähnliche Institutionen sind in anderen Ländern längst Normalität, wobei sie in der Regel mit einer politischen Partei verbunden sind. Seit kurzem bietet die Universität St. Gallen zusammen mit der Politischen Akademie der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) einen «Executive-Lehrgang» für ÖVP-Politiker an. Auf der Website der Universität wirbt der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz in einem Video für den Kurs.
Eine potenzielle Werbebotschafterin auf Regierungsebene gibt es möglicherweise bald auch in der Schweiz: Unter den Absolventen des Zertifikatskurses «Weiterbildung für Politik» ist eine gewisse Viola Amherd. Die CVP-Nationalrätin hat gute Chancen, ihre politische Karriere am 5. Dezember mit der Wahl in den Bundesrat zu krönen.

Der Bericht erschien in der NZZ vom 19.11.2018

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